Die fortdauernden Städte 5
Penthesilea erscheint bei Italo Calvino als Stadt ohne fassbare Grenze, ohne eindeutig bestimmbares Zentrum und ohne klaren Übergang zwischen Innen und Außen. Ihre Peripherie setzt sich endlos fort, sodass jede Verortung unsicher wird: Wer sich in Penthesilea bewegt, bleibt im Unklaren darüber, ob er sich bereits inmitten der Stadt befindet oder noch immer an ihrem Rand – einem Rand, den es vielleicht gar nicht gibt. Die Stadt entzieht sich damit den gewohnten Ordnungsprinzipien urbaner Struktur. Sie ist weniger ein abgeschlossenes Gebilde als vielmehr ein fortdauernder Zustand räumlicher Ausdehnung, der Orientierung erschwert und zugleich eine eigentümliche Logik des Unendlichen offenlegt. Aus dieser Vorstellung entwickelt sich eine gestalterische Auseinandersetzung, die Penthesilea als „Suppe von Stadt“ begreift: als scheinbar willkürliche Verteilung von Gebäuden und Straßen, von Dichte und Leere, von Funktionen und Freiräumen. Ziel ist es, diese Unendlichkeit nicht nur formal sichtbar zu machen, sondern auch das Gefühl der Desorientierung, das der Stadtraum hervorruft. Die Stadt wird dabei nicht als kompaktes Zentrum mit geordneten Rändern verstanden, sondern als offenes, sich kontinuierlich fortsetzendes Gefüge, in dem Wiederholung und Variation ineinandergreifen. Als Methode dient die fraktale Schichtung. Ausgangspunkt sind quadratische Grundflächen, auf denen einzelne Gebäude angeordnet werden. Vier dieser Kacheln fügen sich zu einer größeren Einheit zusammen, die eine Erschließungsebene bildet; vier solcher Einheiten wiederum werden auf einer übergeordneten landschaftlichen Ebene kombiniert. Dieser Prozess lässt sich beliebig fortsetzen und erzeugt eine Struktur, die sich prinzipiell ins Unendliche erweitern kann. Durch diese Logik werden sowohl die Maßstabssprünge als auch die fortlaufende Reproduktion städtischer Muster erfahrbar. Zugleich greifen die Konstruktionsweise und die Fügung der Elemente Strategien der Schichtung und der konstruktiven Toleranz auf: Die Stadt entsteht nicht als starres System, sondern als offenes Gefüge, das sich aus wiederholbaren Teilen zusammensetzt. So wird Penthesilea als Raum ohne Abschluss lesbar – eine Stadt, deren Wesen gerade in ihrer endlosen Fortsetzung liegt.
Lina Schriever, Finn Knortz & Erik Hellrung


